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Tränen (Blaue, Rote und Schwarze Tränen), 2006

Ein Zeitungsartikel bezeichnete einmal die Heroinsucht mit "Blaue Tränen". Jahre später stiess ich auf ein Heft mit dem Titel "Rote Tränen" (aktuell, Nr. 3, Kant. LMV St. Gallen, Sept. 2003), das sich mit dem Thema Selbstverletzung befasste. Schliesslich ereignete sich im nahen Umfeld meiner Tochter ein Suizid: Ich musste Stellung beziehen und malte das dreiteilige Bild "Tränen". In der Schweiz bringen sich jährlich rund 1'400 Menschen um. Das sind fast dreimal mehr Tote als auf den Strassen ums Leben kommen. Was, frage ich mich, unternimmt der Staat nicht alles, um die Sterberate auf den Strassen zu senken und was unternimmt der gleiche Staat gegen die Suizidrate? Ich bin zur Ansicht gelangt, dass Drogen, Selbstverletzungen und Selbstmorde eng zusammenhängen.

"Blaue Tränen"
Seit es Menschen gibt sind Drogen treue Begleiter der Menschheit. Das Wissen darüber verbreitete sich immer schneller als technische Erneuerungen. Seit der Industralisierung und jetzt im Zeitalter der Globalisierung sind Wirkung und Verfügbarkeit unkontrollierbar geworden. Wir müssen lernen damit umzugehen. Was kann der Staat dagegen tun, was wir, ich?
Meine Erfahrung zeigt, dass die Neugier, gruppendynamische Prozesse, aber auch Lustlosigkeit starke Faktoren sind. Vergessen wir nicht, dass prinzipiell alle Menschen suchtgefährtdet sind und dass Süchte jede erdenkliche Formen annehmen können. Oft höre ich, dass Drogen bewusstseinserweiternd wirken sollen. Da gibt es aber andere Methoden wie Trance oder Meditation um die gleichen Resultate zu erzielen. Vor allem hinterlassen sie keine Nebenwirkungen.
Mein Interesse gilt jedoch den jungen Menschen, die Drogen konsumieren, um dem Alltag zu entfliehen, um sich ihren Sorgen zu "entledigen", sich im Selbstmitleid vollzudröhnen. Viele Begründeungen, die ich von Usern höre ist die Perspektivenlosigkeit, die Nullbockstimmung, vor allem aber, dass es sowieso keinen interessiert, was mit ihnen passiere. Und genau diese Antwort hat mich erschreckt. Jugendliche fühlen sich von ihrem Umfeld schlecht oder gar nicht wahrgenommen, keiner hört wirklich zu. Und tatsächlich! Die Erwachsenen leben häufig im unausgewogenen Spannungsfeld Berufsleben-Privatdasein. Häufig sind Väter physisch zwar anwesend aber seelisch nicht. Und genau dies spüren die Kinder. Nach zahlreichen gescheiterten Anläufen um mit den Eltern oder den Lehrerinnen und Lehrern ins Gespräch zu kommen, ziehen sie sich zurück und suchen Gleichgesinnte. Dies sind solche Menschen, die sich nicht mit den gegebenen Umständen abfinden wollen, sondern Antworten suchen, die ihr Leben sinnvoll machen. 1969 haben sich einige in Woodstock zusammengefunden, 1981 in der Roten Fabrik und heute. Die Jugend muss sich bewegen, wenn sich unsere Gesellschaft entwickeln will! Das Nicht-gehört-werden mündet mit dem Drogenkonsum in eine versteckte Autoaggressivität, die nicht leicht zu beweisen ist.

"Rote Tränen"
Eine weitere Auswirkung des Nicht-gehört-werdens ist die offene Spuren hinterlassende Autoaggressivität. Bulimie, Ritzen und exzessives Pearcen weisen auf den Wunsch wahrgenommen wollen zu werden hin. Ich begleitete vor einigen Jahren eine sich ritzende, magersüchtige Schülerin in ihrem Abschlussjahr. Ihre Eltern, beide im Lehrerberuf tätig, waren machtlos und ich machte eigentlich nichts ausser zuhören und ihr ab und zu Fragen zu stellen.

"Schwarze Tränen"
Menschen, die den Suizid eines nahen Angehörigen erlebt haben sind fünfzigmal stärker gefährdet, sich eines Tages selbst umzubringen als andere. Wer sich umbringt übt Macht aus, Macht, die er während seines Lebens zu spüren bekam. Beim Suizid vereinen sich die Aspekte Opfer und Täter. Jeder Suizid hinterlässt überlebende Zurückgelassene. Und alle fragen sich, warum sie den Selbstmord nicht haben verhindern können. Menschen, die sich umbringen, tragen die Verantwortung den Hinterlassenen gegenüber nicht.

Was können wir unternehmen, um den Jugendlichen wirklich zuzuhören, sie wirklich zu respektieren und ernst zu nehmen. Was passiert, wenn wir in der Erziehung und in den Schulen die Macht entfernen.

R. Hächler, 2006