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teachers are artists

Lehrer/-innen sind Künstler/-innen

Unsere Gesellschaft setzt sich aus den drei Bereichen Wirtschaft, Politik und Kunst zusammen. Es ist gut, dass es die Politik gibt. Sie legt die Rahmenbedingungen des sozialen Netzwerkes fest. Es ist gut, dass es die Wirtschaft gibt. Sie erarbeitet das Volksvermögen und finanziert gleichzeitig das soziale Netzwerk. Es ist gut, dass es die Kunst gibt. Sie beseelt, stärkt und fördert das soziale Netzwerk und bringt die Gesellschaft auf eine Kulturstufe.

Der eine Bereich kann ohne den andern nicht spielen. Alle sind auf einander angewiesen. Keiner mischt sich in die anderen beiden ein. Oder muten Sie sich zu, Mozart zu sagen, er solle mehr oder weniger Noten in der Zauberflöte verwenden, oder Picasso zu raten in den Bildern der Blauen Periode mehr oder weniger Blau zu verwenden?

Schulen sind weder dem politischen noch dem wirtschaftlichen Bereich zuzuorden. Sie gehören deshalb in den Bereich Kunst, was auch Sinn macht. Lehrerinnen und Lehrer sind demnach Künstlerinnen und Künstler. Von Lehrpersonen zu sprechen ist deshalb ein Affront auf ihre Persönlichkeit. Nur Persönlichkeiten sind fähig die Persönlichkeiten der Kinderseelen zu erkennen und zu respektieren. Wenn die Lehrenden sich als keine Schulmeister sehen, wenn ihre Karriere darin besteht, immer besser zu unterrichten, wenn sie begreifen, dass sie Künstler sind, dann wird die Schule eine Einrichtung, wo das Lernen Spass macht, weil das Lehren so unglaublich spannend ist. Menschliche Gehirne lernen nicht linear, sondern vernetzt.

Studieren heisst nicht sich eintrichtern lassen. Studieren heisst nicht auswendig gelernt dahersagen können. Studieren heisst sich Zeit nehmen sich mit einem Stoff auseinanderzusetzen. Studieren heisst verknüpft denken lernen, einer Frage bis an den Grund nachgehen, bis zuletzt eine Antwort auf eine Frage neue Fragen hervorbringt. Das ist studieren. Und das braucht Zeit.

Lehren heisst lernen. Viele Lehrenden halten sich für die Hüter des Heiligen Grals des Wissens und Könnens. Sie unterliegen jedoch dem Irrtum, dass Wissen sich nicht weiterentwickelt. Da die Wissenschaft jeden Tag Fortschritte macht, dürfen wir das Wissen an sich nicht zu einer Tatsache hochstilisieren, sondern uns nur darauf berufen, dass nach heutigen Erkenntnissen der eine oder andere Rückschluss möglich sein kann. In diesem unsicheren Gewässer der Bildung bin ich selber die einzige sichere Konstante. Frei nach der Relativitätstheorie Einsteins sehe ich mein Denken und Handeln ausschliesslich bezüglich der Mitmenschen und meiner Umgebung. Ich muss mich entscheiden, was in meinem Leben gilt, was ich in meinem Leben an mich heranlassen will, was für mein Leben wichtig ist. Die rücksichtslose, wirtschafts-, erfolgs- und wachstumsorientierte Gesellschaft fordert den einzelnen Menschen bis aufs Blut. Sie fragt weder nach kultiviertem noch ethischem Denken und Handeln. Durch die Globalisierung findet die Wirtschaft immer wieder Wege für Kinderarbeit.

Weder Globalisierung noch Wissen an sich sind schlecht. Es kommt darauf an, was wir damit machen. Wissen darf nicht mehr einigen wenigen gehören. Wissen muss frei verfügbar sein. Bis heute war Wissen Macht und dijenigen, die nicht über Wissen verfügten waren ohnmächtig. Das hat sich grundlegend verändert mit dem Einzug der Computer. Wissen ist für die Kapitalkräftigen global verfügbar. Wir lassen im Orbit Wettersatelliten kreisen ohne den afrikanischen Bauern die Daten zur Verfügung zu stellen. Dafür geben wir Miliarden für Entwicklungshilfe aus. Das ist angewandte Macht pur.

Ähnlich kann das Netzwerk Schule funktionieren. Im Schulwesen treffen die drei Bereiche Wirtschaft, Politik und Kunst zusammen. Lehrerinnen und Lehrer müssen lernen sich diesen Einflüssen zu entziehen und für sich selber zu entscheiden, welchen Weg sie wie gehen wollen und was sie vertreten können und wollen. Lehrpläne und dergleichen geben scheinbare Sicherheiten und legen scheinbare Grenzen fest. Die Schulstunde steht und fällt jedoch mit dem Menschen, der vor der Klasse steht. Da helfen weder ausgeklügelte Zimmereinrichtungen, noch standartisierte Vorgaben und Ziele. Nur Methodenfreiheit und Ich-Bezogenheit der Lehrenden erlauben auf die Lernenden einzugehen, die niemals zur gleichen Zeit am gleichen Ort stehen können. Deshalb ist der Erwerb einer hohen Selbstkompetenz der Lehrenden das oberste Ziel einer Lehrerausbildung. Nur die Lehrenden wissen wie sie unterrichten und was sie brauchen, um besser zu unterrichten. Jede Ausübung von Zwang und Macht ist aus den Schulen zu verbannen. Einzig teilautonome Schulen mit kurzgefassten Schulleitbildern, die sich an ethischen Haltungen orientieren sind leistungsfähige Schulen, die den Anforderungen der heutigen Zeit gerecht werden.

Auszug aus dem Buchmanuskript "Der motivierte Schüler", R. Hächler, 2006