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Guantánamo, 2006

Folter, in welcher Form auch immer, ist inhuman und zutiefst zu verurteilen. Eine folternde Gesellschaft verliert alles, von der Selbstachtung über den Krieg und den Status eines zivilisierten Staates bis hin zur Möglichkeit Probleme zu lösen.

Meine Antwort ist ein Altarbild: Die 650 Blattgoldblättchen auf der Frontseite nehmen Bezug auf die christliche Mythologie und die Tradition der buddhistischen Pilger, welche die Kuppeln der Pagoden mit Blattgold überziehen. Jedes Blättchen ist ein stilles Gebet für all die rund 650 Gefängnisinsassen von Guantánamo Bay.
Der Mittelteil zeigt im rechten Bildteil einen jungen, nackten Menschen zusammengekauert sich schützend. Ihre orange Hautfarbe ähnelt den Kleiden der Gefangenen von Camp Delta. Der grössere linke Teil des Bildes ist monochrom in gelbem Mergel aus dem Jura gehalten. Die Figur kauert also auf einem leeren Bild, nackt und verletzlich, alleine.

Die beiden Flügelteile sind mit Erdfarben auf spezieller Leine gemalt. Auf dem linken Flügelteil stehen Namen von Foltergefängnissen, so auch dem von Guantánamo, der dem Altarbild den Namen gab. Der Untergrund stellt eine Honigwabe dar, die folgende Geschichte symbolisiert: Der vierzigjährige, arabischstämmige Gewürzhändler Khalid Mahmoud al Asmar wurde 2002 an der afghanischen Grenze zu Pakistan verhaftet und nach Guantánamo gebracht, weil er angeblich Terroristen Honig verkauft hatte. Nach drei Jahren, 2005, wurde er mit der Begründung, dass er kein Kämpfer sei, entlassen. Mittellos und gebrochen lebt er heute mit weissen Haaren in Jordanien.
(vgl.: Tagesspiegel)

Der rechte Flügelteil ist ebenfalls zweilagig: Auf dem Abbild eines Weisskopfseeadlers, dem Symbol der Vereinigten Staaten von Amerika, ist ein Brief eines Gefangenen aus dem Gefängnis von "Guantánamo" rudimentär lesbar wiedergegeben. Nur einige mir besonders wichtige Wörter können entziffert werden, so "dear Dad", "children" und "god".
(vgl.: guantanamo letter)

Die konsequente Durchgestaltung der Frontseite erforderte einerseits die Wiederaufnahme der Bildverteilung des Mittelteiles und andererseits die Behandlung der drei Quadratmetern Sperrholzmit echtem 24-karätigem rötlichem Blattgold in Ahnlehnung an die christliche Mythologie und die Tradition buddhistischer Pilger, welche die Kuppeln der Pagoden mit Blattgold überziehen. Im unteren Teil liegen, die Fussflächen gegeneinander gestreckt, zwei nackte Menschenleichen: Links eine Frau und rechts ein Mann. Wird der Altar geöffnet, liegen sie, unsichtbar, Kopf an Kopf und geben den Blick auf den Mittelteil frei.

R. Hächler, 2006

zum Clip:
http://www.youtube.com/mythopoeticart#p/u/15/MiBHCf0Dr5Y