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Gedanken zur Kulturgeschichte

"Wissenschaftler sind immer auch Künstler und Künstler immer auch Wissenschaftler. Beides zusammen, das ist entscheidend. Denn nur als Künstler habe ich ein Menschenbild. Und nur in diesem Sinne kann ich als Naturforscher das Ganze im Blickfeld haben und moralisch vorgehen. Kunst ohne Wissenschaft ist lächerlich, Wissenschaft ohne Kunst ist unmenschlich."
(Prof. Ernst Peter Fischer)

Das Wesen der Kunstgeschichte
Kunstgeschichte zu lehren kann den irrigen Eindruck erwecken, dass Geschichte mit einem macht. Wünschenswert aber ist, dass wir befähigt werden und befähigen, selber Geschichte zu machen. Kunstgeschichte untersucht nicht die Phänomenologie des Menschen, sondern beschäftigt sich mit ein paar ausgewählten Objekten aus der Jetztzeit heraus. Sie hängt also vom Blickwinkel der heutigen Betrachter ab, die auf Grund einiger verfügbarer Fakten ein lückenhaftes Gebilde mit Geschichten versüsst erfinden.

Der Mensch in der Kunstgeschichte
Der Mensch ist in der Kunstgeschichte nicht enthalten. Er funktioniert seinem Wesen nach immer menschlich, also seit jeher immer gleich. Wir wissen nicht, ob die eine oder andere Epoche den Menschen glücklicher oder trauriger gemacht hat. Wir können es uns nur vorstellen. Wir denken, dass es so gewesen sein kann. Denken aber ist nicht Wissen und Dabeigewesensein, denn wer denkt, handelt nicht, verdrängt die Intuition. Je mehr Menschen denken, desto mehr Raum und Freiheit haben diejenigen, die tun, also die Macher. Eine Epoche entsteht nie durch Denker, sondern durch Macher, die sich auf ihr Gefühl, auf ihre Intuition verlassen.

Die Entstehung der kunstgeschichtlichen Epochen
Kunstgeschichtliche Epochen entstehen durch Erfindungen, anderem Material und Werkzeugen, technische Neuerungen machen sie möglich. Die Erklärung, also das Denken, kommt immer nachher. Deshalb ist die Kunstgeschichte eine Materialgeschichte und immer subjektiv, künstlich und willkürlich. Sie entsteht aus dem menschlichen Bedürfnis heraus, Überblick zu gewinnen, einzuordnen. Wie aber jede Systematik Mängel aufweist, so besteht die Kunstgeschichte aus Theorien, zu denen jederzeit Gegentheorien geschrieben werden können, Beide sind niemals verbindlich. Ausnahmen sind schwer fassbar, schwierig einzuordnen und werden daher häufig ignoriert, die Arbeiten der Frauen jedoch regelmässig.

Die Übergänge der kunstgeschichtlichen Epochen
geschehen nie auf Jahresende hin; Sie sind fliessend und werden nicht in allen Ländern und Kontinenten gleich wahrgenommen und schon gar nicht von allen Schichten. Kunsthistoriker haben die Kunstgeschichte erfunden, um Restauratoren, Sammlern, Museumsleuten, Kunstkritikern und anderen Kunsthistorikern Arbeit zu verschaffen. Diese machen ihren Job so gut, dass sie in gebildeten Zivilisationen zum guten Ton gehören. Macher allerdings kümmern sich nicht darum.

Die Jugend in der Kulturgeschichte
Auslöser der Jugendunruhen sind verkrustete Strukturen, affektiertes, stereotypisches Handeln der Erwachsenen und eingefahrene Mechanismen der zwischenmenschlichen Kontakte. Ab und zu bewegt sich die Jugend und revolutioniert. Hat sie ihre Ziele erreicht, werden die Errungenschaften zum festen Bestandteil der Gesellschaft und Allgemeingut. Je schneller die Forderungen der Jugend akzeptiert werden, desto schneller sind die Unruhen vorbei, die Errungenschaften Kult und ihrer Vermarktung steht nichts mehr im Wege. Wann bewegt sich die Jugend wieder? Dann bewegt die Jugend wieder.

R. Hächler, 2005