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Die schweigende Mehrheit, 2005

Als ich siebzehn Jahre alt war, erlebte ich mit meinen Freunden Urs Aeschbach und Carlo Mettauer in Dijon eine abartige Geschichte.

Wir schlenderten am Rande der Altstadt von Dijon. Nieselregen und düsterer Himmel ergänzten das Szenario. Plötzlich bemerkten wir einen Mann, der eine Frau an den Haaren zerrend vor sich hinschob. Am Strassenrand stiess er sie in den Rinnstein und warf sich auf sie. Wir rannten laut "eine Vergewaltigung" rufend in ein Bistrot. Der Besitzer schaute kurz aus der Türe, schloss diese mit dem Schlüssel, zog den Vorhang, stellte drei Cognacgläser auf den Tresen und goss uns einen rechten Schluck ein. Dann passierte nichts mehr. Wir stammelten noch etwas von Polizei und dergleichem, kamen aber irgendwie nicht durch. Nach einiger Zeit schaute der Wirt nach, zog den Vorhang auf, öffnete die Türe und winkte, als wir bezahlen wollten, ab. Er musste gesagt haben, dass alles in Ordnung sei, aber wir verstanden ihn nicht so recht.

Später, als ich mit Dimitri die erste Ausstellung seiner Bilder in der galerie 6 machte, hörte ich mehrmals, dass der jetzt auch noch malen müsse. Tatsache ist jedoch, dass Dimitri seit immer gemalt hat und mit den Zeichnungen Ideen sichtbar machen kann, die auf der Bühne nicht realisierbar sind.

Viele, allen voran auch Hirschhorn, beklagen sich, dass Christoph Blocher Bundesrat geworden ist. Beide leben indes ihre Träume und verwirklichen ihre Visionen. Entscheided ist nicht, dass Blocher im Bundesratsgremium Einsitz genommen hat, sondern dass ihn eine kleine Mehrheit, nämlich die Classe Politique, ihn gewähren lässt. Die schweigende Mehrheit ist damit einverstanden, dass er seine politische Karriere machen kann. Alle Menschen, die etwas zulassen, das vor ihren Augen passiert und nichts dazu sagen, tragen die Verantwortung, wenn etwas nicht so gut herauskommt. Die Geschichte hält uns da ein paar Beispiele, teils von gigantischem Ausmass, bereit.

R. Hächler, 2006